Volkstrauertag

Rede zum Volkstrauertag 13. November 2022

ELZACH

Liebe Teilnehmende an dieser Gedenkfeier,

Eine Rede halten am Volkstrauertag? Ich habe erst gezögert, dann zugesagt. Es ist ja im Dienst einer guten, edlen Sache: Der Friede als Maß aller Dinge und das Gedenken an die unendlich vielen Opfer der zahlreichen, sinnlosen Kriege der Vergangenheit und Gegenwart, der Opfer von Gewaltherrschaft, Diktatur und Terror.
Man muss auch von Elzach aus nicht weit fahren zu deren Zeugnissen: Der Hartmannswillerkopf in den Südvogesen, von Soldaten im Ersten Weltkrieg "Menschenfresser" getauft, weil dort so viele ums Leben kamen. Oder, ebenfalls im Elsass,  das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof aus dem Zweiten Weltkrieg. Oder, noch näher, die KZ-Gedenkstätte Vulkan gleich hier überm Berg, in Haslach. 

Und jetzt, 2022 ? Als am 24. Februar Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine begann, war, wie so viele andere, auch ich schockiert, ungläubig, sprachlos - für einen Schmutzige Dunschdig nicht grade typisch. Aber die Fasnet 2022 war ab da für mich gelaufen, der Glaube an Putin sowieso und der an "das Gute in der Welt" etwa auch...???

Jedenfalls ist es am Volkstrauertag 2022 somit nicht ganz so einfach, vorbehaltlos nur pro Frieden und contra Krieg zu argumentieren. Wie begegnet man solcher Aggression, Verbrechen, Bruch des Völkerrechts? Eine einfache und einzig richtige Antwort scheint nicht in Sicht, sonst hätten sie die Politiker schon gegeben...
"Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden" kritisierte dazu gerade der  aktuelle Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der Ukrainer Serhij Zhadan, einen "falschen Pazifismus".

Seit 1919, ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg, gibt es den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Seither arbeitet er für Frieden, betreut Kriegsgräber von mehr als 2,8 Millionen deutschen Kriegstoten in 46 Staaten. Mir selbst war es immer wichtig, an dieser Gedenkfeier hier teilzunehmen. Einfach aus Dankbarkeit, dass meine Generation keinen Krieg, keine Vertreibung, keine Diktatur erleben musste. Es ist noch gar nicht so lange her, dass mir hier, bei dieser Feier, mal der Gedanke kam: "Hu, nur 11,12 Jahre, bevor ich auf die Welt kam, da lebte ja der Hitler noch!"
Wenn das "Dritte Reich" 1939 - 45 nicht von den
Alliierten bekämpft und besiegt worden wäre, dann sähe die Welt auch jetzt noch viel, viel schlimmer aus. Für mich ist völlig unverständlich, wenn heutzutage jemand noch irgendetwas "Gutes" an der Nazi-Zeit finden will. Nein, ganz klar ist: Deutschland wurde 12 Jahre lang von der schlimmsten Mörderbande der Geschichte nicht regiert, sondern verführt - und zwar ins Verderben, und fast ganz Europa mit dazu.

Also gilt dann: Immer dem Bösen entgegentreten, möglichst frühzeitig und zur Not mit aller Gewalt? Und der Friede kommt notgedrungen erst an zweiter Stelle? So einfach und eindeutig ist es nicht. Ein spanisches Sprichwort sagt sinngemäß: "Das einzig Gute am Krieg ist der Friede, der danach kommt". Wenn er denn wirklich kommt...

Mit den Befehlshabern oder Anstiftern von Kriegen muss man kein Mitleid haben. Leidtragende sind immer die "normalen" Menschen. Millionen sind seit Februar aus und innerhalb der Ukraine geflüchtet, noch viel mehr sind es auf der ganzen Welt. Und jeder, der einen Krieg erlebt und überlebt hat, könnte wohl ein Buch schreiben.

Wilhelm Burger (1921 bis 2016), "Becherer-Bur" aus Biederbach, hat das gemacht: "Endlich ist er da" heißen seine "Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft 1940 - 1949". Er schreibt: "Als Hirtenbub hab ich oft von der weiten Welt geträumt. Als der lang ersehnte Stellungsbefehl kommt und obwohl mein Vater immer davor gewarnt hat, es würde zu einem Krieg führen, war meine Begeisterung für das Soldatenleben groß..." Das änderte sich spätestens, als Wilhelm Burger auch Hitlers  Krieg gegen Russland mitmachen muss - er wollte jetzt nur noch überleben, entging dem Tod mehrfach mit Glück und wünschte sich sehnlichst auf seinen Bauernhof zurück. Nach 9 langen Jahren glückte ihm dies endlich. "Wer die Schrecken des Krieges kennt, der weiß den Wert des Friedes zu schätzen", so Wilhelm Burger zu dieser Zeit "vom Biederbacher Hirtenbub zum Kriegsgefangenen im Kaukasus".

-"Vom Großstadtkind in Leningrad zum Biederbacher Hirtenbub" hieß es umgekehrt für Viktor Kabakow, der als 12-Jähriger in der Sowjetunion von deutsche Truppen in einen Gefangenenzug verfrachtet wurde, für drei Jahre auf dem Brosihof in Biederbach als "Ostarbeiter" landete, 1945 ebenfalls unversehrt in seine Heimat zurückkehrte und dort ganz nebenbei auch als Universitätsrektor sein im Krieg gelerntes "Elztäler Ditsch" sein Leben lang pflegte. Auch er hat ein Buch über seine Jahre im Krieg geschrieben.

Adam Ponullak und seinen Kollegen Zygmunt  lernte ich 1993 bei einem Hilfstransport des Maximilian-Kolbe-Werks von Polen nach Weißrussland kennen. Das Kolbe-Werk hilft überlebenden KZ-Häftlingen in Osteuropa. Adam und Zygmunt waren polnische Pensionäre, die als Übersetzer, Helfer, Idealisten mitfuhren. Ich fragte den kontaktfreudigen Adam, warum er so gut Deutsch spricht. "Na, das hab ich in Ausschwitz gelernt!", antwortete er ganz normal und nahm mir meine Frage, für die ich mich gleich schämte, überhaupt nicht übel. Auch der stillere Zygmunt hatte das KZ Auschwitz, das Anfang 1945 von Sowjettruppen befreit wurde, überlebt und ging dann zurück in sein polnisches Heimatdorf. Auch dorthin  kamen bald Sowjetsoldaten, andere Einheiten. Die verlangten Papiere konnte er als Ex-KZ-Häftling natürlich nicht vorweisen. So wurde er gleich weiter nach Workuta deportiert, ein berüchtigtes Sowjet-Straflager in Russland weit oben am Nordmeer - Zwangsarbeit für weitere 8,9 Jahre und für keinerlei Vergehen. "Wissen Sie, wenn der Stalin nicht gestorben wäre, wäre ich vielleicht heute noch dort", sagte er lakonisch zu mir.

Vier Kriegsschicksale, die trotz allem am Ende noch irgendwie gut ausgingen. Für Millionen andere gilt das nicht: Tot, schwerstverwundet, fürs Leben gezeichnet, traumatisiert oder die Familie, die Heimat, jeden Glauben an das Gute verloren. Rund 10 Millionen Menschen starben im Ersten, 60 Millionen im Zweiten Weltkrieg und viele weitere in den Kriegen seither. Weit über 200 Namen aus Elzach, Unterprechtal und Biederbach allein als Opfer von 1939 bis 1945 stehen hier an der Friedhofskapelle, jene vom Ersten Weltkrieg an der Pfarrkirche St. Nikolaus.

Zwei dieser Namen will ich kurz erwähnen. Die Gässler sind und waren eine große Familie. Der letzte der Geschwister der vorigen Generation,  Fritz, lebt noch und ist heute auch hier, 89 Jahre alt. Ich habe außerdem diese große Fotografie mitgebracht. Sie zeigt seinen ältesten Bruder, meinen Onkel Josef Gäßler (geboren  1916). Er war der erste Elzacher, der im Russlandkrieg ums Leben kam, durch Heckenschützen und "für Führer, Volk und Vaterland", wie es damals hieß und es geschah "in Nowojelnio bei Nowogrudok" in der Nähe von Minsk im Juni 1941, wie unsere Oma viele Jahre später immer mal wieder aus einem kurzen Beileidsbrief seines militärischen Vorgesetzten zitierte. 

Vor 79 Jahren, am 15. November 1943, starb mit 35 Jahren in einem Lazarett im ukrainischen Lwiw/Lemberg (heute Partnerstadt von Freiburg) August Wernet aus Elzach, Vater von Imelda Burger, Meinrad Wernet  und Holzbildhauermeister Konrad Wernet, ein äußerst kreativer Geist und unter anderem Verfasser des "Elzacher Lieds". A pro pos:  Es ist zu hoffen, dass die wunderschöne Stadt Lemberg, aktuell voller Flüchtlinge, auch diesen jetzigen Krieg unbeschadet übersteht.

Momentan läuft in den Kinos eine neue Verfilmung von "Im Westen nichts Neues", jenes Klassikers der Antikriegsliteratur von Erich Maria Remarque, welcher anmerkte: "Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen." In der Süddeutschen Zeitung hieß es zu Remarques  Buch, es sei  "...ein gedrucktes Monument gegen die Idee, die Größe einer Nation hänge davon ab, dass ihre jungen Männer die jungen Männer des Nachbarlands umbringen..."
 
Vorgestern war der "Elfte Elfte", Sankt Martin, Karnevalsauftakt. Aber auch Feiertag in mehreren Ländern zum Gedenken an den Waffenstillstand am 11.11.1918 im Ersten Weltkrieg, in Frankreich Feiertag jetzt seit genau 100 Jahren. In Frankreich heißt der Erste Weltkrieg bis heute "La Grande Guerre", der Große Krieg, die Front verlief ja auch die ganzen vier Jahre lang quer durch Nordfrankreich.

Der Stellungskrieg an der Westfront im Ersten Weltkrieg bleibt bis heute symbolisch für Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Krieg überhaupt  - ein Beispiel ist Erich Kästners Gedicht "Verdun, viele Jahre später": "Auf den Schlachtfeldern von Verdun / finden die Toten keine Ruhe. / Täglich dringen dort aus der Erde / Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe. / Auf den Schlachtfeldern von Verdun / wachsen Leichen als Vermächtnis. / Täglich singt der Chor der Toten: / 'Habt ein besseres Gedächtnis!'"
 
Hierzu auch noch zwei kurze Tagebuchpassagen von Soldaten aus dem Jahr 1916.
 Aus Flandern: "...Wohl denen (Toten), die wir oder die Franzosen drüben noch halbwegs anständig begraben konnten; noch heute aber hängen Fetzen von Menschenleibern in den Drahtverhauen. Vor unserem Graben lag eine Menschenhand mit Fingerring, ein paar Meter davon ein Unterarm, von dem zuletzt nur noch die Knochen übrig waren. So gut mundet den Ratten das Menschenfleisch. Der Krieg macht den Menschen kalt gegen alles, was ihn  bewegte..."

Und von der Schlacht an der Somme, ebenfalls 1916:
"...Die Sonne brennt heiß vom wolkenlosen Himmel, sodass der Verwesungsgestank immer entsetzlicher wird.
Die Magennerven sind bis zum Erbrechen gereizt. Kaum dass man den wütendsten Hunger an dem wunderschönen Weißbrot stillt, das der junge Franzose mit dem kleinen roten Fleck auf der Brust im Tornister trug.
Ein Bündel wohlriechender Papierchen fällt mir aus seinem Tornister in die Hand: 'Mon chéri! Wir beten jeden Tag zum Himmel, Mama und ich, er möge uns dich erhalten. Du mein einzig geliebter...' usw. Immer dasselbe Lied. Immer dasselbe Leid! Und dabei kaue ich sein Weißbrot..."

Über 100 Jahre ist das her. Und man fragt sich: Seither fanden, finden immer wieder Kriege statt - sind die Menschen nicht lernfähig? Gilt gar der alte Witz, wo sich zwei Planeten treffen - kurzer Wortwechsel: "Oh, Du siehst aber schlecht aus...?" - "Ich weiß, ich habe Homo Sapiens". - "Ach so, hatte ich auch mal, das geht vorbei..."
1912 fand ein großer Friedenskongress in Basel statt, 1914 begann der Erste Weltkrieg. 1989 dachte man, vor allem dank Michail Gorbatschow, es beginne eine Friedenszeit. Jetzt führt Russland Krieg gegen die Ukraine und es ist fast schon bezeichnend, dass mitten in dieser Zeit der einstige Hoffnungsträger Gorbatschow gestorben ist. 

Aber doch gibt es auch Hoffnung, von vielen Menschen, die sich für andere, für Frieden und Verständigung einsetzen. Oder: Einen Krieg zwischen Deutschen und Franzosen oder Briten, das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Auf dem Gebiet der gesamten Europäischen Union ist seit 1945 Frieden und nicht nur ganz Europa, die ganze Welt könnte man sich als Reisender inzwischen anschauen, ohne Angst vor Feindschaft.
 
 Allgemein gesagt: Es gibt - hoffentlich doch! - viel mehr "Normale", mehr Gute als Böse. Den Hetzern, Lügnern, Leugnern entgegen treten, dass soll jeder, der will, dass das Gute siegt. Professor Heiko Haumann sagte es an dieser Stelle im Jahr 2014 so: "Der Einzelne kann etwas tun, kann dazu beitragen, dass etwas zustande kommt oder etwas verhindert wird. Menschen machen die Geschichte. Es kommt auf den Einzelnen an, ob er Böses oder Gutes tut." Oder die Schüler der 10b des Schulzentrums Oberes Elztal am Volkstrauertag 2017: " Konflikte, Kriege, Zerstörung, Tod - ist das für uns Normalität? Wir sind die Jugend und wir wollen leben, wir wollen das Gute!" Und vielleicht gibt es ja auch einmal - siehe das aktuelle Beispiel Iran - einen weltweiten Aufstand der Frauen gegen Krieg und für Frieden, denn 99 Prozent der Kriegstreiber sind eben "Kriegsherren" -  Männer halt, die meinen, sie dürfen alles. Es ist ein Irrtum.

"Frieden ist möglich" hieß 1983 ein Buch von Fernsehjournalist Franz Alt "All we are saying: Give peace a chance" sang Beatle John Lennon vor 50 Jahren. Dem Frieden eine echte Chance geben - das ist wohl der einzige Weg für eine Welt, in der es genügend gewaltige und tausendmal sinnvollere Aufgaben gibt, als sich gegenseitig umzubringen und Länder zu verwüsten.

Das große Idol der Gewaltlosigkeit, der indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi, sagt es einmal so: "Auge um Auge - und die ganze Welt wird blind sein."

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